I
Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung,
einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegensätze von
Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der
Produktion herrschenden Anarchie. Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er
anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortführung der von den
großen französischen Aufklärem des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede
neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, sosehr
auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag.
Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die kommende Revolution
klärten, traten selbst äußerst revolutionär auf. Sie erkannten keine äußere
Autorität an, welcher Art sie auch sei. Religion, Naturanschauung, Gesellschaft,
Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte sein
Dasein vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder aufs Dasein verzichten. Der
denkende Verstand wurde als alleiniger Maßstab an alles angelegt. Es war die Zeit, wo,
wie Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde (1), zuerst in dem Sinn, daß der
menschliche Kopf und die durch sein Denken gefundnen Sätze den Anspruch machten, als
Grundlage aller menschlichen Handlung und Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später
auch in dem weitern Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen widersprach, in der
Tat von oben bis unten umgekehrt wurde.
Alle bisherigen Gesellschafts- und Staatsformen, alle altüberlieferten Vorstellungen
wurden als unvernünftig in die Rumpelkammer geworfen; die Welt hatte sich bisher
lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles Vergangne verdiente nur Mitleid und
Verachtung. Jetzt erst brach das Tageslicht, das Reich der Vernunft an; von nun an sollte
der Aberglaube, das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden
durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete Gleichheit
und die unveräußerlichen Menschenrechte. Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft
weiter nichts war als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige Gerechtigkeit
ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß die Gleichheit hinauslief auf die
bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz; daß als eines der wesentlichsten Menschenrechte
proklamiert wurde - das bürgerliche Eigentum; und daß der Vernunftstaat, der
Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben trat und nur ins Leben treten konnte als
bürgerliche, demokratische Republik. So wenig wie alle ihre Vorgänger konnten die
großen Denker des 18. Jahrhunderts hinaus über die Schranken, die ihnen ihre eigne
Epoche gesetzt hatte.
Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und dem als Vertreterin der gesamten übrigen
Gesellschaft auftretenden Bürgertum bestand der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und
Ausgebeuteten, von reichen Müßiggängern und arbeitenden Armen. War es doch gerade
dieser Umstand, der es den Vertretern der Bourgeoisie möglich machte, sich als Vertreter
nicht einer besondern Klasse, sondern der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch
mehr. Von seinem Ursprung an war das Bürgertum behaftet mit seinem Gegensatz:
Kapitalisten können nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben Verhältnis wie der
mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen Bourgeois, im selben Verhältnis
entwickelte sich auch der Zunftgeselle und nichtzünftige Taglöhner zum Proletarier.
Und wenn auch im ganzen und großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit
dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschiednen arbeitenden Klassen jener Zeitmit zu
vertreten, so brachen doch, bei jeder großen bürgerlichen Bewegung, selbständige
Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin des
modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformnationsund der Bauernkriegszeit die
Wiedertäufer und Thomas Münzer; in der großen englischen Revolution die Levellers; in
der Großen Französischen Revolution Babeuf. Neben diesen revolutionären
Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gingen entsprechende theoretische
Kundgebungen; im 16. und 17. Jahrhundert utopische Schilderungen idealer
Gesellschaftszustände; im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly und Mably).
Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die politischen Rechte beschränkt,
sie sollte sich auch auf die gesellschaftliche Lage der einzelnen erstrecken; nicht bloß
die Klassenvorrechte sollten aufgehoben werden, sondern die Klassenunterschiede selbst.
Ein asketischer, allen Lebensgenuß verpönender, an Sparta anknüpfender Kommunismus war
so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre. Dann folgten die drei großen Utopisten:
Saint-Simon, bei dem die bürgerliche Richtung noch neben der proletarischen eine gewisse
Geltung behielt; Fourier und Owen, der, im Lande der entwickeltsten kapitalistischen
Produktion und unter dem Eindruck der durch diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge
zur Beseitigung der Klassenunterschiede in direkter Anknüpfung an den französischen
Materialismus systematisch entwickelte.
Allen dreien ist gemeinsam, daß sie nicht als Vertreter der Interessen des inzwischen
historisch erzeugten Proletariats auftreten. Wie die Aufklärer wollen sie nicht zunächst
eine bestimmte Klasse, sondern sogleich die ganze Menschheit befreien. Wie jene wollen sie
das Reich der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit einführen; aber ihr Reich ist
himmelweit verschieden von dem der Aufklärer. Auch die nach den Grundsätzen dieser
Aufklärer eingerichtete bürgerliche Welt ist unvernünftig und ungerecht und wandert
daher ebensogut in den Topf des Verwerflichen wie der Feudalismus und alle früheren
Gesellschaftszustände. Daß die wirkliche Vernunft und Gerechtigkeit bisher nicht in der
Welt geherrscht haben, kommt nur daher, daß man sie nicht richtig erkannt hatte. Es
fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten und der die Wahrheit erkannt
hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die Wahrheit grade jetzt erkannt worden ist, ist
nicht ein aus dem Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung mit Notwendigkeit
folgendes, unvermeidliches Ereignis, sondern ein reiner Glücksfall. Er hätte
ebensogut 500 Jahre früher geboren werden können und hätte dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum,
Kämpfe und Leiden erspart.
Wir sahen, wie die französischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, die
Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft appellierten als einzige Richterin über
alles, was bestand. Ein vernünftiger Staat, eine vernünftige Gesellschaft sollten
hergestellt, alles, was der ewigen Vernunft widersprach, sollte ohne Barmherzigkeit
beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls, daß diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts
andres war als der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich
fortentwickelnden Mittelbürgers. Als nun die Französische Revolution diese
Vemunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat verwirklicht hatte, stellten sich daher die
neuen Einrichtungen, so rationell sie auch waren gegenüber den früheren Zuständen,
keineswegs als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war vollständig in die
Brüche gegangen.
Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung gefunden in der
Schreckenszeit aus der das an seiner eignen politischen Befähigung irre gewordne
Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in die Korruption des Direktoriums und
schließlich unter den Schutz des napoleonischen Despotismus. Der verheißne ewige Friede
war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die Vernunftgesellschaft war nicht
besser gefahren. Der Gegensatz von reich und arm, statt sich aufzulösen in allgemeinen
Wohlergehn, war verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden
zünftigen und andren Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen
Wohltätigkeitsanstalten; die jetzt zur Wahrheit gewordne "Freiheit des
Eigentums" von feudalen Fesseln stellte sich heraus, für den Kleinbürger und
Kleinbauern, als die Freiheit, dies von der übermächtigen Konkurrenz des Großkapitals
und des Großgrundbesitzes erdrückte kleine Eigentum an eben diese großen Herren zu
verkaufen und so für den Kleinbürger und Kleinbauern sich zu verwandeln in die Freiheit
vom Eigentum; der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und
Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft.
Die bare Zahlung wurde mehr und mehr, nach Carlyles Ausdruck, das einzige Bindeglied
der Gesellschaft. Die Zahl der Verbrechen nahm zu von Jahr zu Jahr. Waren die früher am
hellen Tage sich ungescheut ergehenden feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch
vorläufig in den Hintergrund gedrängt, so schossen dafür die, bisher nur in der Stille
gehegten, bürgerlichen Laster um so üppiger in die Blüte. Der Handel entwickelte sich
mehr und mehr zur Prellerei. Die "Brüderlichkeit", der revolutionären Devise
verwirklichte sich in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle der
gewaltsamen Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten
gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten Nacht ging über von den
Feudalherren auf die bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich aus in
bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb nach wie vor gesetzlich anerkannte Form,
offizieller Deckmantel der Prostitution, und ergänzte sich zudem durch reichlichen
Ehebruch.
Kurzum, verglichen mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die
durch den "Sieg der Vernunft" hergestellten gesellschaftlichen und politischen
Einrichtungen als bitter enttäuschende Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die
diese Enttäuschung konstatierten, und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802
erschienen Saint-Simons Genfer Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk, obwohl die
Grundlage seiner Theorie schon von 1799 datierte; am 1. Januar 1800 übernahm Robert Owen
die Leitung von New Lanark.
Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise, und mit ihr der Gegensatz
von Bourgeoisie und Proletariat, noch sehr unentwickelt. Die große Industrie, in England
eben erst entstanden, war in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die große Industrie
entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise, eine
Beseitigung ihres kapitalistischen Charakters, zur zwingenden Notwendigkeit erheben -
Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen
Produktivkräfte und Austauschfonnen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben
diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. Waren also
um 1800 die der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden Konflikte erst im Werden
begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln ihrer Lösung. Hatten die
besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft
erobern und dadurch die bürgerliche Revolution, selbst gegen das Bürgertum, zum Siege
führen können, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich ihre Herrschaft unter
den damaligen Verhältnissen auf die Dauer war. Das sich aus diesen besitzlosen Massen
eben erst als Stamm einer neuen Klasse absondernde Proletariat, noch ganz unfähig zu
selbständiger politischer Aktion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand,
dem in seiner Unfähigkeit, sich selbst zu helfen, höchstens von außen her, von oben
herab Hülfe zu bringen war.
Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des Sozialismus. Dem unreifen
Stand der kapitalistischen Produktion, der unreifen Klassenlage, entsprachen unreife
Theorien. Die Lösung der gesellschaftlichen Aufgaben, die in den unentwickelten
ökonomischen Verhältnissen noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die
Gesellschaft bot nur Mißstände; diese zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft.
Es handelte sich darum, ein neues, vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu
erfinden und dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch das
Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von
vornherein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren Einzelheiten ausgearbeitet wurden,
desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen.
Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz der Vergangenheit
angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf. Wir können es literarischen
Kleinkrämern überlassen, an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich
herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen Denkungsart geltend zu
machen gegenüber solchem "Wahnwitz". Wir freuen uns lieber der genialen
Gedankenkeime und Gedanken, die unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen und
für die jene Philister blind sind.
Saint-Simon war ein Sohn der großen ranzösischen Revolution, bei deren Ausbruch er
noch nicht dreißig Jahre alt war. Die Revolution war der Sieg,des dritten Standes, d.h.
der großen, in der Produktion und im Handel tätigen Masse der Nation, über die bis
dahin bevorrechteten müßigen Stände, Adel und Geistlichkeit. Aber der Sieg des dritten
Standes hatte sich bald enthüllt als der ausschließliche Sieg eines kleinen Teils dieses
Standes, als die Eroberung der politischen Macht durch die gesellschaftlich bevorrechtete
Schicht desselben, die, besitzende Bourgeoisie. Und zwar hatte sich diese Bourgeoisie noch
während der Revolution rasch entwickelt vermittelst der Spekulation in dem konfiszierten
und dann verkauften Grundbesitz des Adels und der Kirche sowie vermittelst des Betrugs an
der Nation durch die Armeelieferanten. Es war gerade die Herrschaft dieser Schwindler, die
unter dem Direktorium Frankreich und die Revolution an den Rand des Untergangs brachte und
damit Napoleon den Vorwand gab zu seinem Staatsstreich. So nahm im Kopf Saint-Simons der
Gegensatz von drittem Stand und bevorrechteten Ständen die Form an des Gegensatzes von
"Arbeitern" und "Müßigen". Die Müßigen, das waren nicht nur die
alten Bevorrechteten, sondern auch alle, die ohne Beteiligung an Produktion und Handel von
Renten lebten. Und die "Arbeiter", das waren nicht nur die Lohnarbeiter, sondern
auch die Fabrikanten, die Kaufleute, die Bankiers. Daß die Müßigen die Fähigkeit zur
geistigen Leitung und politischen Herrschaft verloren, stand fest und war durch die
Revolution endgültig besiegelt. Daß die Besitzlosen diese Fähigkeit nicht besaßen, das
schien Saint-Simon bewiesen durch die Erfahrungen der Schreckenszeit. Wer aber sollte
leiten und herrschen? Nach Saint-Simon die Wissenschaft und die Industrie, beide
zusammengehalten durch ein neues religiöses Band, bestimmt, die seit der Reformation
gesprengte Einheit der religiösen Anschauungen wiederherzustellen, ein notwendig
mystisches und streng hierarchisches "neues Christentum".
Aber die Wissenschaft, das waren die Schulgelehrten, und die Industrie, das waren in
erster Linie die aktiven Bourgeois, Fabrikanten, Kaufleute, Bankiers. Diese Bourgeois
sollten sich zwar in eine Art öffentlicher Beamten, gesellschaftlicher Vertrauensleute,
verwandeln, aber doch gegenüber den Arbeitern eine gebietende und auch ökonomisch
bevorzugte Stellung behalten. Namentlich sollten die Bankiers durch Regulierung des
Kredits die gesamte gesellschaftliche Produktion zu regeln berufen sein. Diese Auffassung
entsprach ganz einer Zeit, wo in Frankreich die große Industrie und mit ihr der Gegensatz
von Bourgeoisie und Proletariat eben erst im Entstehn war. Aber was Saint-Simon besonders
betont, ist dies: Es sei ihm überall und immer zuerst zu tun um das Geschick "der
zahlreichsten und ärmsten Klasse" (la classe la plus nombreuse et la plus pauvre).
Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, daß "alle
Menschen arbeiten sollen". In derselben Schrift weiß er schon, daß die
Schreckensherrschaft die Herrschaft der besitzlosen Massen war. "Seht an", ruft
er ihnen zu, "was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit, als eure Kameraden
dort geherrscht, sie haben die Hungersnot erzeugt."
Die Französische Revolution aber als einen Klassenkampf, und zwar nicht bloß zwischen
Adel und Bürgertum, sondern zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im
Jahr 1802 eine höchst geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für die
Wissenschaft von der Produktion und sagt voraus das gänzliche Aufgehn der Politik in der
Ökonomie. Wenn hierin die Erkenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der
politischen Einrichtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die Überführung
der politischen Regierung über Menschen in eine Verwaltung von Dingen und eine Leitung
von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit so viel Lärm breitgetretne
"Abschaffung des Staates" hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher
Überlegenheit über seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar nach dem Einzug
der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während des Kriegs der hundert Tage, die
Allianz Frankreichs mit England und in zweiter Linie beider Länder mit Deutschland als
einzige Gewähr für die gedeihliche Entwicklung und den Frieden Europas. Allianz den
Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte in der Tat
ebensoviel Mut wie geschichtlicher Fernblick.
Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken, vermöge deren fast
alle nicht streng ökonomischen Gedanken der späteren Sozialisten bei ihm im Keime
enthalten sind, so finden wir bei Fourier eine echt französisch-geistreiche, aber darum
nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszustände. Fourier
nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Propheten von vor und ihre interessierten
Lobhudler von nach der Revolution beim Wort. Er deckt die materielle und moralische Misere
der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf; er hält daneben sowohl die gleißenden
Versprechungen der frühern Aufklärer von der Gesellschaft, in der nur die Vernunft
herrschen werde, von der alles beglückenden Zivilisation, von der grenzenlosen
menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, wie auch die schönfärbenden Redensarten der
gleichzeitigen Bourgeois-Ideologen; er weist nach, wie der hochtönendsten Phrase überall
die erbärmlichste Wirklichkeit entspricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko
der Phrase mit beißendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitre Natur
macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten. Die mit
dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation ebenso wie die
allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er ebenso
meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der bürgerlichen
Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen
Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der
weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist.
Am großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der
Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier
Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten
bürgerlichen Gesellschaft, also mit der seit dem 16. Jahrhundert eingeführten
Gesellschaftsordnung zusammenfällt, und weist nach, "daß die zivilisierte Ordnung
jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise ausübt, zu einer
zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt"
daß die Zivilisation sich in einem "fehlerhaften Kreislauf"
bewegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu
können, so daß sie
stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erreichen will oder erlangen zu wollen
vorgibt.
So daß z.B. "in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst
entspringt". Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben
Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er
hervor,
gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen
Vervollkommnungsfähigkeit, daß
jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und
wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an. Wie Kant
den künftigen Untergang der Erde in die Naturwissenschaft, führt Fourier den künftigen
Untergang der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein.
Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land
ausfegte, ging in England eine
stillere, aber darum nicht minder gewaltige Umwälzung vor sich. Der Dampf und die neue
Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in die moderne große Industrie und
revolutionierten damit die ganze Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Der schläfrige
Entwicklungsgang der Manufakturzeit verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode
der Produktion. Mit stets wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der
Gesellschaft in große Kapitalisten und besitzlose Proletarier, zwischen
denen, statt des
frühern stabilen Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und
Kleinhändlern eine schwankende Existenz führte, der fluktuierendste Teil der
Bevölkerung. Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden
Asts;
noch war sie die normale, regelrechte, die unter den Umständen einzig mögliche
Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale
Mißstände:
Zusammendrängung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer
Städte Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen
Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in
schreckenerregendem Maß massenhafte Entsittlichung der plötzlich in ganz neue
Verhältnisse, vom Land in die Stadt, vom Ackerbau in die Industrie, aus stabilen in
täglich wechselnde unsichere Lebensbedingungen geworfnen arbeitenden Klasse.
Da trat ein neunundzwanzigjähriger Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur
Erhabenheit kindlicher Einfachheit des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von
Menschen wie wenige. Robert Owen hatte sich die Lehre der materialistischen Aufklärer
angeeignet, daß der Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen
Organisation und andrerseits der den Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber
während der Entwicklungsperiode umgebenden Umstände. In der industriellen Revolution
sahen die meisten seiner Standesgenossen nur Verwirrung und Chaos, gut im trüben zu
fischen und sich rasch zu bereichern. Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz
in Anwendung und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester
als Dirigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich versucht, von 1800 bis
1829 leitete er die große Baumwollspinnerei von New Lanark in Schottland als
dirigierender Associé in demselben Sinn, nur mit größrer Freiheit des Handelns und mit
einem Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug.
Eine allmählich auf 2500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den gemischtesten und
größtenteils stark demoralisierten Elementen sich zusammensetzende Bevölkerung wandelte
er um in eine vollständige Musterkolonie, in der Trunkenheit, Polizei,
Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis unbekannte Dinge
waren. Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere Umstände versetzte und namentlich die
heranwachsende Generation sorgfältig erziehen ließ. Er war der Erfinder der
Kleinkinderschulen und führte sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahr an kamen die
Kinder in die Schule, wo sie sich so gut unterhielten, daß sie kaum wieder heimzubringen
waren. Während seine Konkurrenten 13-14 Stunden täglich arbeiten ließen, wurde in New
Lanark nur 10« Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollkrisis zu viermonatlichem Stillstand
zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn fortbezahlt. Und dabei hatte das
Etablissement seinen Wert mehr als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentümern reichlichen
Gewinn abgeworfen.
Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern
geschaffen,
war in seinen Augen noch lange keine menschenwürdige; "die Leute waren meine
Sklaven"; die verhältnismäßig günstigen Umstände, in die er sie
versetzt, waren
noch weit entfernt davon, eine allseitige rationelle Entwicklung des Charakters und des
Verstandes, geschweige eine freie Lebenstätigkeit zu gestatten.
"Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2500 Menschen ebensoviel
wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert vorher eine
Bevölkerung von 600 000 erzeugen konnte. Ich frug mich: Was wird aus der Differenz
zwischen dem von 2500 Personen verzehrten Reichturn und demjenigen, den die 600 000
hätten verzehren müssen?"
Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des Etablissements 5 %
Zinsen vom Anlagekapital und außerdem noch mehr als 300 000 Pfd. St. (6 000 000 M.)
Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt in noch höherem Maß von allen Fabriken
Englands.
"Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hätten die Kriege
zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien
nicht durchgeführt werden können. Und doch war diese neue Macht die Schöpfung der
arbeitenden Klasse." (2)
Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen gewaltigen
Produktivkräfte, bisher
nur der Bereicherung einzelner und der Knechtung der Massen dienend, boten für Owen die
Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung und waren dazu bestimmt, als gemeinsames
Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller zu arbeiten.
Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen der kaufmännischen
Berechnung, entstand der Owensche Kommunismus. Denselben auf das Praktische gerichteten
Charakter behält er durchweg. So schlug Owen 1823 Hebung des irischen Elends durch
kommunistische Kolonien vor und legte vollständige Berechnungen, über
Anlagekosten,
jährliche Auslagen und voraussichtliche Erträge bei. So ist in seinem definitiven
Zukunftsplan die technische Ausarbeitung der Einzelheiten, einschließlich
Grundriß,
Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive, mit solcher Sachkenntnis
durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform einmal
zugegeben, sich gegen die
Detaileinrichtung selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen
läßt.
Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben. Solange er als
bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum,
Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populärste Mann in Europa. Nicht nur seine
Standesgenossen, auch
Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu. Als er aber mit seinen
kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das Blatt. Drei große Hindernisse waren
es, die ihm vor allem den Weg zur gesellschaftlichen Reform zu versperren
schienen: das Privateigentum, die Religion und die gegenwärtige Form der
Ehe. Er wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine Ächtung durch die offizielle
Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen Stellung. Aber er ließ sich nicht
abhalten, sie rücksichtslos anzugreifen, und es geschah, wie er
vorhergesehn. Verbannt
aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch
fehlgeschlagne kommunistische Versuche in Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen
geopfert, wandte er sich direkt an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch
dreißig Jahre tätig.
Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen
Fortschritte, die in England im
Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen. So setzte er
1819, nach fünfjähriger Anstrengung, das erste Gesetz zur Beschränkung der Weiber- und
Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte er dem ersten Kongreß, auf dem die
Trades Unions von ganz England sich in eine einzige große Gewerksgenössenschaft
vereinigten. So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen
Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und
Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis geliefert
haben,
daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits
die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines
Arbeitspapiergelds, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete; Anstalten, die notwendig
scheitern mußten, die aber die weit spätere Proudhonsche Tauschbank vollständig
antizipierten, sich indes grade dadurch von dieser unterschieden, daß sie nicht das
Universalheilmittel aller gesellschaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu
einer weit radikalem Umgestaltung der Gesellschaft darstellten.
Die Anschauungsweise der Utopisten hat die sozialistischen Vorstellungen des 19.
Jahrhunderts lange beherrscht und beherrscht sie zum Teil noch. Ihr huldigten noch bis vor
ganz kurzer Zeit alle französischen und englischen Sozialisten, ihr gehört auch der
frühere deutsche Kommunismus mit Einschluß Weitlings an. Der Sozialismus ist ihnen allen
der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt
zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig
ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung, so ist es bloßer
Zufall,
wann und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernwift und
Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da bei jedem die besondre Art
der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch seinen
subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß von Kenntnissen und
Denkschulung,
so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine andre Lösung möglich, als daß sie
sich aneinander abschleißen. Dabei konnte dann nichts andres herauskommen als eine Art
von eklektischem Durchschnitts-Sozialismus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der
meisten sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine äußerst
mannigfaltige Schattierungen zulassende Mischung aus den weniger Anstoß erregenden
kritischen Auslassungen, ökonomischen Lehrsätzen und gesellschaftlichen
Zukunftsvorstellungen der verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so
leichter bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der Debatte die
scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie runden Kieseln im Bach. Um aus dem
Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt
werden.
II
Inzwischen war neben und nach der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts die
neuere deutsche Philosophie entstanden und hatte in Hegel ihren Abschluß
gefunden. Ihr
größtes Verdienst war die Wiederaufnahme der Dialektik als der höchsten Form des
Denkens. Die alten griechischen Philosophen waren alle geborne, naturwüchsige
Dialektiker, und der universellste Kopf unter ihnen, Aristoteles, hat auch bereits die
wesentlichsten Formen des dialektischen Denkens untersucht. Die neuere Philosophie
dagegen, obwohl auch in ihr die Dialektik glänzende Vertreter hatte (z. B. Descartes und
Spinoza), war besonders durch englischen Einfluß mehr und mehr in der sog. metaphysischen
Denkweise festgefahren, von der auch die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenigstens in
ihren speziell philosophischen Arbeiten, fast ausschließlich beherrscht
wurden.
Außerhalb der eigentlichen Philosophie waren sie ebenfalls imstande, Meisterwerke der
Dialektik zu liefern; wir erinnern nur an "Rameaus Neffen" von Diderot und die
"Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" von
Rousseau. Wir geben hier kurz das Wesentliche beider Denkmethoden an.
Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre geistige Tätigkeit der
denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer
unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts
bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und
vergeht. Wir
sehen zunächst also das Gesamtbild, in dem die Einzelheiten noch mehr oder weniger
zurücktreten, wir achten mehr auf die Bewegung, die Übergänge, die
Zusammenhänge, als
auf das, was sich bewegt, übergeht und zusammenhängt. Diese
ursprüngliche, naive, aber
der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie
und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles
fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen
begriffen. Aber diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der
Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die Einzelheiten zu erklären, aus denen sich
dies Gesamtbild zusammensetzt; und solange wir diese nicht kennen, sind wir auch über das
Gesamtbild nicht klar. Um diese Einzelheiten zu erkennen, müssen wir sie aus ihrem
natürlichen oder geschichtlichen Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für
sich, nach
ihrer Beschaffenheit, ihren besondren Ursachen und Wirkungen etc.
untersuchen. Dies ist
zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und Geschichtsforschung;
Untersuchungszweige,
die aus sehr guten Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur
untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das Material dafür
zusammenschleppen mußten. Erst nachdem der natürliche und geschichtliche Stoff bis auf
einen gewissen Grad angesammelt ist, kann die kritische Sichtung, die Vergleichung
beziehungsweise die Einteilung in Klassen, Ordnungen und Arten in Angriff genommen
werden.
Die Anfänge der exakten Naturforschung werden daher erst bei den Griechen der
alexandrinischen Periode und später, im Mittelalter, von den Arabern
weiterentwickelt;
eine wirkliche Naturwissenschaft datiert indes erst von der zweiten Hälfte des 15.
Jahrhunderts, und von da an hat sie mit stets wachsender Geschwindigkeit Fortschritte
gemacht. Die Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen
Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung des Innern der
organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die
Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der
Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit
hinterlassen, die
Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen
Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem
Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste
Bestände; nicht in
ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke
geschah,
diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie
übertrug, schuf
sie die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische
Denkweise.
Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre
Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu
betrachtende, feste, starre, ein
für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten
Gegensätzen; seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom
Übel. Für
ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: Ein Ding kann ebensowenig
zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut
aus; Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise
erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst einleuchtend, weil sie diejenige des
sogenannten gesunden Menschenverstands ist. Allein der gesunde
Menschenverstand, ein so
respektabler Geselle er auch in dem hausbacknen Gebiet seiner vier Wände
ist, erlebt ganz
wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die
metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstands
ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal
früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig,
borniert, abstrakt
wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen
deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre
Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Für alltägliche
Fälle wissen wir z.B. und können mit Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert oder
nicht; bei genauerer Untersuchung finden wir aber, daß dies manchmal eine höchst
verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut wissen, die sich umsonst abgeplagt
haben, eine rationelle Grenze zu entdecken, von der an die Tötung des Kindes im
Mutterleibe Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den Moment des Todes
festzustellen,
indem die Physiologie nachweist, daß der Tod nicht ein einmaliges, augenblickliches
Ereignis, sondern ein sehr langwieriger Vorgang ist. Ebenso ist jedes organische Wesen in
jedem Augenblick dasselbe und nicht dasselbe; in jedem Augenblick verarbeitet es von
außen zugeführte Stoffe und scheidet andre aus, in jedem Augenblick sterben Zellen
seines Körpers ab und bilden sich neue; je nach einer längern oder kürzern Zeit ist der
Stoff dieses Körpers vollständig erneuert, durch andre Stoffatome ersetzt
worden, so
daß jedes organisierte Wesen stets dasselbe und doch ein andres ist. Auch finden wir bei
genaurer Betrachtung, daß die beiden Pole eines Gegensatzes, wie positiv und negativ,
ebenso untrennbar voneinander wie entgegengesetzt sind und daß sie trotz aller
Gegensätzlichkeit'sich gegenseitig durchdringen; ebenso, daß Ursache und Wirkung
Vorstellungen sind, die nur in der Anwendung auf den einzelnen Fall als solche Gültigkeit
haben, daß sie aber, sowie wir den einzelnen Fall in seinem allgemeinen Zusammenhang mit
dem Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der Anschauung der universellen
Wechselwirkung, wo Ursachen und Wirkungen fortwährend ihre Stelle wechseln, das, was
jetzt oder hier Wirkung, dort oder dann Ursache wird und umgekehrt.
Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen des metaphysischen
Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder
wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und
Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen
Verfahrungsweise. Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der
modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst
reichliches,
sich täglich häufendes Material, geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur,
in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im
ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte
durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung
den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige
organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch
Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist. Da aber die Naturforscher bis
jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus
diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose
Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie
Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.
Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie
des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf
dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und
Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen. Und in diesem
Sinne trat die neuere deutsche Philosophie auch sofort auf. Kant eröffnete seine Laufbahn
damit, daß er das stabile Newtonsche Sonnensystem und seine - nachdem der famose erste
Anstoß einmal gegeben - ewige Dauer auflöste in einen geschichtlichen
Vorgang: in die
Entstehung der Sonne und aller Planeten aus einer rotierenden Nebelmasse. Dabei zog er
bereits die Folgerung, daß mit dieser Entstehung ebenfalls der künftige Untergang des
Sonnensystems notwendig gegeben sei. Seine Ansicht wurde ein halbes Jahrhundert später
durch Laplace mathematisch begründet, und noch ein halbes Jahr hundert später wies das
Spektroskop die Existenz solcher glühenden Gasmassen, in verschiednen Stufen der
Verdichtung, im Weltraum nach.
Ihren Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegelschen System, worin zum
erstenmal - und das ist sein großes Verdienst - die ganze natürliche, geschichtliche und
geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und
Entwicklung begriffen, dargestellt und der Versuch gemacht wurde, den innern Zusammenhang
in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen. Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die
Geschichte der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser
Gewalttätigkeiten,
die vor dem Richterstuhl der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle gleich verwerflich
sind und die man am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der
Entwicklungsprozeß der Menschheit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle
Irrwege zu verfolgen und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren
Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.
Daß das Hegelsche System die Aufgabe nicht löste, die es sich
gestellt, ist hier gleichgültig. Sein epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu
haben. Es ist eben eine Aufgabe, die kein einzelner je wird lösen können. Obwohl Hegel - neben Saint-Simon - der
universellste Kopf seiner Zeit war, so war er doch beschränkt erstens durch den notwendig
begrenzten Umfang seiner eignen Kenntnisse und zweitens durch die ebenfalls nach Umfang
und Tiefe begrenzten Kenntnisse und Anschauungen seiner Epoche. Dazu aber kam noch ein
Drittes. Hegel war Idealist, d.h., ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr
oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt
galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der
irgendwie schon vor der Welt existierenden "Idee". Damit war alles auf den Kopf
gestellt und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so richtig
und genial daher auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel aufgefaßt
wurden, so mußte
doch aus den angegebnen Gründen auch im Detail vieles geflickt,
gekünstelt, konstruiert, kurz, verkehrt ausfallen. Das Hegelsche System als solches war eine kolossale Fehlgeburt -
aber auch die letzte ihrer Art. Es litt nämlich noch an einem innern unheilbaren
Widerspruch: einerseits hatte es zur wesentlichen Voraussetzung die historische
Anschauung, wonach die menschliche Geschichte ein Entwicklungsprozeß ist, der seiner
Natur nach nicht durch die Entdeckung einer sogenannten absoluten Wahrheit seinen
intellektuellen Abschluß finden kann; andrerseits aber behauptet es, der Inbegriff eben
dieser absoluten Wahrheit zu sein. Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes
System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen
des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil
einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht
zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann.
Die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen Idealismus führte
notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt, nicht zum bloß
metaphysischen,
ausschließlich mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts. Gegenüber der
naiv-revolutionären, einfachen Verwerfung aller frühem Geschichte sieht der moderne
Materialismus in der Geschichte den Entwicklungsprozeß der Menschheit, dessen
Bewegungsgesetze zu entdecken seine Aufgabe ist. Gegenüber der sowohl bei den Franzosen
des 18. Jahrhunderts wie noch bei Hegel herrschenden Vorstellung von der Natur als eines
sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich stets gleichbleibenden Ganzen mit ewigen
Weltkörpern, wie sie Newton, und unveränderlichen Arten von organischen
Wesen, wie sie
LinnÆ gelehrt hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft
zusammen,
wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper wie die
Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen Umständen bewohnt
werden,
entstehn und vergehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig
bleiben,
unendlich großartigere Dünensionen annehmen. In beiden Fällen ist er wesentlich
dialektisch und braucht keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie
mehr.
Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im
Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich
klarzuwerden, ist jede
besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen
Philosophie dann noch selbständig bestehenbleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen
Gesetzen - die formelle Logikund die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive
Wissenschaft von Natur und Geschichte.
Während jedoch der Umschwung in der Naturanschauung nur in dem Maß sich vollziehn
konnte, als die Forschung den entsprechenden positiven Erkenntnisstoff
lieferte, hatten
sich schon viel früher historische Tatsachen geltend gemacht, die für die
Geschichtsauffassung eine entscheidende Wendung herbeiführten. 1831 hatte in Lyon der
erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838 bis 1842 erreichte die erste nationale
Arbeiterbewegung, die der englischen Chartisten, ihren Höhepunkt. Der Klassenkampf
zwischen Proletariat und Bourgeoisie trat in den Vordergrund der Geschichte der
fortgeschrittensten Länder Europas, in demselben Maß, wie sich dort einerseits die
große Industrie, andrerseits die neueroberte politische Herrschaft der Bourgeoisie
entwickelte. Die Lehren der bürgerlichen Ökonomie von der Identität der Interessen von
Kapital und Arbeit, von der allgemeinen Harmonie und dem allgemeinen Volkswohlstand als
Folge der freien Konkurrenz wurden immer schlagender von den Tatsachen Lügen
gestraft.
Alle diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen, ebensowenig wie der französische und
englische Sozialismus, der ihr theoretischer, wenn auch höchst unvollkommner Ausdruck
war. Aber die alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht verdrängt
war,
kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden Massenkämpfe, überhaupt keine
materiellen Interessen; die Produktion wie alle ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr
nur so nebenbei, als untergeordnete Elemente der "Kulturgeschichte" vor.
Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen
Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle bisherige
Geschichte, mit
Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander
bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und
Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der ökonomischen Verhältnisse ihrer
Epoche; daß
also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage
bildet,
aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der
religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen
Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind. Hegel hatte die Geschichtsauffassung
von der Metaphysik befreit, er hatte sie dialektisch gemacht aber seine Auffassung der
Geschichte war wesentlich idealistisch. Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten
Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische
Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus
ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.
Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses
oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier
geschichtlich entstandner Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. Seine Aufgabe war
nicht mehr, ein möglichst vollkommnes System der Gesellschaft zu
verfertigen, sondern den
geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem diese Klassen und ihr
Widerstreit mit Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffnen ökonomischen
Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu entdecken. Mit dieser materialistischen
Auffassung war aber der bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die
Naturauffassung des französischen Materialismus mit der Dialektik und der neueren
Naturwissenschaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende
kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht
erklären, also
auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht
verwerfen. Je
heftiger er gegen die von ihr unzertrennliche Ausbeutung der Arbeiterklasse
eiferte, desto
weniger war er imstand, deutlich anzugeben, worin diese Ausbeutung bestehe und wie sie
entstehe. Es handelte sich aber darum, die kapitalistische Produktionsweise einerseits in
ihrem geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen bestimmten
geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die Notwendigkeit ihres Untergangs,
darzustellen,
andrerseits aber auch ihren innern Charakter bloßzulegen, der noch immer verborgen
war.
Dies geschah durch die Enthüllung des Mehrwerts. Es wurde bewiesen, daß die Aneignung
unbezahlter Arbeit die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise und der durch sie
vollzognen Ausbeutung des Arbeiters ist; daß der Kapitalist, selbst wenn er die
Arbeitskraft seines Arbeiters zum vollen Wert kauft, den sie als Wareauf dem Warenmarkt
hat, dennoch mehr Wert aus ihr herausschlägt, als er für sie bezahlt hat; und daß
dieser Mehrwert in letzter Instanz die Wertsumme bildet, aus der sich die stets wachsende
Kapitalmasse in den Händen der besitzenden Klassen anhäuft. Der Hergang sowohl der
kapitalistischen Produktion wie der Produktion von Kapital war erklärt.
Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die
Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts
verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun
zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter
auszuarbeiten.
III
Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz
aus, daß die
Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller
Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die
Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder
Stände, sich
danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht
wird. Hiernach
sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen
Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in
die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in, Veränderungen der Produktionsund
Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der
betreffenden Epoche. Die erwachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen
Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage
geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen
in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere
ökonomische Bedingungen, zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr
stimmt. Damit
ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls
in den veränderten Produktionsverhältnissen selbst - mehr oder minder entwickelt -
vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopfe zu
erfinden, sondern
vermittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu
entdecken.
Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?
Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich allgemein zugegeben - ist
geschaffen worden von der jetzt herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Die der Bourgeoisie
eigentümliche Produktionsweise, seit Marx mit dem Namen kapitalistische Produktionsweise
bezeichnet, war unverträglich mit den lokalen und ständigen Privilegien wie mit den
gegenseitigen persönlichen Banden der feudalen Ordnung; die Bourgeoisie zerschlug die
feudale Ordnung und stellte auf ihren Trümmern die bürgerliche Gesellschaftsverfassung
her, das Reich der freien Konkurrenz, der Freizügigkeit, der Gleichberechtigung der
Warenbesitzer und wie die bürgerlichen Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische
Produktionsweise konnte sich jetzt frei entfalten. Die unter der Leitung der Bourgeoisie
herausgearbeiteten Produktionsverhältnisse entwickelten sich, seit der Dampf und die neue
Werkzeugmaschinerie die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bisher
unerhörter Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maße. Aber wie ihrerzeit die
Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung weiterentwickelte Handwerk mit den feudalen
Fesseln der Zünfte in Konflikt kam, so kommt die große Industrie in ihrer volleren
Ausbildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalistische Produktionsweise
sie eingeengt hält. Die neuen Produktionskräfte sind der bürgerlichen Form ihrer
Ausnutzung bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt zwischen
Produktivkräften und Produktionsweise ist nicht ein in den Köpfen der Menschen
entstandner Konflikt, wie etwa der der menschlichen Erbsünde mit der göttlichen
Gerechtigkeit, sondern er besteht in den Tatsachen, objektiv, außer uns, unabhängig vom
Wollen oder Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeigeführt. Der moderne
Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen Konflikts,
seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter ihm
leidet, der Arbeiterklasse.
Worin besteht nun dieser Konflikt?
Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand allgemeiner
Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der Arbeiter an ihren
Produktionsmitteln:
der Ackerbau der kleinen, freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der
Städte. Die
Arbeitsmittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren Arbeitsmittel des
einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet, also notwendig kleinlich,
zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehörten eben deshalb auch in der Regel dem Produzenten
selbst.
Diese zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren, auszuweiten, sie in die
mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegenwart umzuwandeln, war gerade die historische
Rolle der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Trägerin, der
Bourgeoisie. Wie sie
dies seit dem 15. Jahrhundert auf den drei Stufen: der einfachen Kooperation, der
Manufaktur und der großen Industrie, geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten
Abschnitt des "Kapital" ausführlich geschildert. Aber die
Bourgeoisie, wie dort
ebenfalls nachgewiesen, konnte jene beschränkten Produktionsmittel nicht in gewaltige
Produktionskräfte verwandeln, ohne sie aus Produktionsmitteln des einzelnen in
gesellschaftliche, nur von einer Gesamtheit von Menschen anwendbare Produktionsmittel zu
verwandeln. An die Stelle des Spinnrads, des Handwebestuhls, des Schmiedehammers trat die
Spinnmaschine, der mechanische Webstuhl, der Dampfhammer; an die Stelle der
Einzelwerkstatt die das Zusammenwirken von Hunderten und Tausenden gebietende Fabrik. Und
wie die Produktionsmittel, so verwandelte sich die Produktion selbst aus einer Reihe von
Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher Akte und die Produkte aus Produkten
einzelner in gesellschaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die
Metallwaren, die jetzt
aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler Arbeiter, durch deren Hände sie
der Reihe nach gehn mußten, ehe sie fertig wurden. Kein einzelner konnte von ihnen sagen:
Das habe ich gemacht, das ist mein Produkt.
Wo aber die naturwüchsige, planlos allmählich entstandne Teilung der Arbeit innerhalb
der Gesellschaft Grundforin der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von
Waren auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf, die einzelnen Produzenten in
den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse, zu befriedigen. Und dies war im
Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerbauprodukte an den Handwerker und
kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von
Einzelproduzenten, Warenproduzenten, schob sich nun die neue Produktionsweise
ein. Mitten
in die naturwüchsige, planlose Teilung der Arbeit, wie sie in der ganzen Gesellschaft
herrschte, stellte sie die planmäßige Teilung der Arbeit, wie sie in der einzelnen
Fabrik organisiert war; neben die Einzelproduktion trat die gesellschaftliche Produktion.
Die Produkte beider wurden auf demselben Markt verkauft, also zu wenigstens annähernd
gleichen Preisen. Aber die planmäßige Organisation war mächtiger als die naturwüchsige
Arbeitsteilung; die gesellschaftlich arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse
wohlfeiler her als die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion erlag auf einem
Gebiet nach dem andern, die gesellschaftliche Produktion revolutionierte die ganze alte
Produktionsweise. Aber dieser ihr revolutionärer Charakter wurde so wenig
erkannt, daß
sie im Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung und Förderung der
Warenproduktion. Sie entstand in direkter Anknüpfung an bestimmte, bereits vorgefundne
Hebel der Warenproduktion und des Warenaustausches: Kaufmannskapital,
Handwerk, Lohnarbeit. Indem sie selbst auftrat als eine neue Form der
Warenproduktion, blieben die
Aneignungsformen der Warenproduktion, auch für sie in voller Geltung.
In der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt hatte, konnte die Frage
gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der Arbeit gehören solle. Der einzelne Produzent
hatte es, in der Regel, aus ihm gehörendem, oft selbsterzeugtem Rohstoff, mit eignen
Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der seiner Familie
hergestellt. Es brauchte
gar nicht erst von ihm angeeignet zu werden, es gehörte ihm ganz von
selbst. Das Eigentum
am Produkte beruhte also auf eigner Arbeit. Selbst wo fremde Hülfe gebraucht
ward, blieb
diese in der Regel Nebensache und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre
Vergütung:
Der zünftige Lehrling und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und des Lohns als
wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft. Da kam die Konzentration der
Produktionsmittel in großen Werkstätten und Manufakturen, ihre Verwandlung in
tatsächlich gesellschaftliche Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen
Produktionsmittel und Produkte wurden behandelt, als wären sie nach wie vor die
Produktionsmittel und Produkte einzelner. Hatte bisher der Besitzer der Arbeitsmittel sich
das Produkt angeeignet, weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit
die Ausnahme war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das Produkt
anzueignen, obwohl es nicht mehr sein Produkt war, sondern ausschließlich Produkt fremder
Arbeit. So wurden also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte angeeignet nicht
von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt und die Produkte
wirklich erzeugt hatten, sondern vom Kapitalisten. Produktionsmittel und Produktion sind
wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen einer
Aneignungsform,
die die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat, wobei also jeder sein eignes
Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Produktionsweise wird dieser Aneignungsform
unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung aufhebt.(3) In diesem
Widerspruch, der der
neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter verleiht, liegt die ganze
Kollision der Gegenwart bereits im Keim. Je mehr die neue Produktionsweise auf allen
entscheidenden Produktionsfeldern und in allen ökonomisch entscheidenden Ländern zur
Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende Reste
verdrängte,
desto greller mußte auch an den Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung.
Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnarbeit bereits vor. Aber
Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäftigung, als Aushülfe, als
Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der zeitweise taglöhnern ging, hatte seine paar Morgen eignes Land, von
denen allein er zur Not leben konnte. Die Zunftordnungen sorgten dafür, daß der Geselle
von heute in den Meister von morgen überging. Sobald aber die Produktionsmittel in
gesellschaftliche verwandelt und in den Händen von Kapitalisten konzentriert
wurden,
änderte sich dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt des kleinen Einzelproduzenten
wurde mehr und mehr wertlos; es blieb ihm nichts übrig, als zum Kapitalisten auf Lohn zu
gehn. Die Lohnarbeit, früher Ausnahme und Aushülfe, wurde Regel und Grundform der ganzen
Produktion; früher Nebenbeschäftigung, wurde sie jetzt ausschließliche Tätigkeit des
Arbeiters. Der zeitweilige Lohnarbeiter verwandelte sich in den
lebenslänglichen. Die
Menge der lebenslänglichen Lohnarbeiter wurde zudem kolossal vermehrt durch den
gleichzeitigen Zusammenbruch der feudalen Ordnung, Auflösung der Gefolgschaften der
Feudalherren, Vertreibung von Bauern aus ihren Hofstellen etc. Die Scheidung war vollzogen
zwischen den in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produktionsmitteln hier und
den auf den Besitz von nichts als ihrer Arbeitskraft reduzierten Produzenten
dort. Der
Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung tritt an
den Tag als Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.
Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob in eine Gesellschaft
von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, deren gesellschaftlicher Zusammenhang vermittelt
wurde durch den Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf Warenproduktion beruhende
Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre
eignen gesellschaftlichen Beziehungen verloren haben. je er produziert für sich mit
seinen zufälligen Produktionsmitteln und für sein besondres
Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt
kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf
vorfindet, ob er seine
Kosten herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können. Es herrscht Anarchie der
gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduktion, wie jede andere Produktionsform,
hat ihre eigentümlichen, inhärenten, von ihr untrennbaren Gesetze; und diese Gesetze
setzen sich durch, trotz der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der
einzigen, fortbestehenden Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs, im
Austausch, und
machen sich geltend gegenüber den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der
Konkurrenz.
Sie sind diesen Produzenten also anfangs selbst unbekannt und müssen erst durch lange
Erfahrung nach und nach von ihnen entdeckt werden. Sie setzen sich also
durch, ohne die
Produzenten und gegen die Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer
Produktionsform. Das Produkt beherrscht die Produzenten.
In der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten
Jahrhunderten, war die
Produktion wesentlich auf den Selbstgebrauch gerichtet. Sie befriedigte vorwiegend nur die
Bedürfnisse des Produzenten und seiner Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche
Abhängigkeitsverhältnisse bestanden, trug sie auch bei zur Befriedigung der Bedürfnisse
des Feudalherrn. Hierbei fand also kein Austausch statt, die Produkte nahmen daher auch
nicht den Charakter von Waren an. Die Familie des Bauern produzierte fast alles, was sie
brauchte, Geräte und Kleider nicht minder als Lebensmittel. Erst als sie dahin kam, einen
Oberschuß über ihren eignen Bedarf und über die dem Feudalherrn geschuldeten
Naturalabgaben zu produzieren, erst da produzierte sie auch Waren; dieser
Überschuß, in
den gesellschaftlichen Austausch geworfen, zum Verkauf ausgeboten, wurde
Ware. Die
städtischen Handwerker mußten allerdings schon gleich anfangs für den Austausch
produzieren. Aber auch sie erarbeiteten den größten Teil ihres Eigenbedarfs
selbst; sie
hatten Gärten und kleine Felder; sie schickten ihr Vieh in den
Gemeindewald, der ihnen
zudem Nutzholz und Feuerung lieferte, die Frauen spannen Flachs, Wolle usw. Die Produktion
zum Zweck des Austausches, die Warenproduktion, war erst im Entstehn. Daher beschränkter
Austausch, beschränkter Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Abschluß nach
außen,
lokale Vereinigung nach innen; die Mark" auf dem Lande, die Zunft in der
Stadt.
Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit dem Auftreten der
kapitalistischen Produktionsweise, traten auch die bisher schlummernden Gesetze der
Warenproduktion offner und mächtiger in Wirksamkeit. Die alten Verbände wurden
gelockert, die alten Abschließungsschranken durchbrochen, die Produzenten mehr und mehr
in unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten verwandelt. Die Anarchie der
gesellschaftlichen Produktion trat an den Tag und wurde mehr und mehr auf die Spitze
getrieben. Das Hauptwerkzeug aber, womit die kapitalistische Produktionsweise diese
Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion steigerte, war das gerade Gegenteil der
Anarchie: die steigende Organisation der Produktion, als gesellschaftlicher, in jedem
einzelnen Produktionsetablissement. Mit diesem Hebel machte sie der alten friedlichen
Stabilität ein Ende. Wo sie in einem Industriezweig eingeführt wurde, litt sie keine
ältre Methode des Betriebs neben sich. Wo sie sich des Handwerks
bemächtigte,
vernichtete sie das alte Handwerk. Das Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen
geographischen Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierungen vervielfältigten das
Absatzgebiet und beschleunigten die Verwandlung des Handwerks in die Manufaktur. Nicht nur
brach der Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen Kämpfe wuchsen
ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen des 17. und 18.
Jahrhunderts. Die große
Industrie endlich und die Herstellung des Weltmarkts haben den Kampf universell gemacht
und gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten
wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der natürlichen
oder geschaffnen Produktionsbedingungen über die Existenz. Der Unterliegende wird
schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums Einzeldasein, aus der Naturmit
potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint
als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung stellt sich nun dar als Gegensatz zwischen der
Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der
ganzen Gesellschaft.
In diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung immanenten
Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produktionsweise, beschreibt sie auswegslos
jenen "fehlerhaften Kreislauf", den schon Fourier an ihr
entdeckte. Was Fourier
allerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich dieser Kreislauf
allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr eine Spirale darstellt und ihr Ende
erreichen muß, wie die der Planeten, durch Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die
treibende Kraft der gesellschaftlichen Anarchie der Produktion, die die große Mehrzahl
der Menschen mehr und mehr in Proletarier verwandelt, und es sind wieder die
Proletariermassen, die schließlich der Produktionsanarchie ein Ende machen
werden. Es ist
die treibende Kraft der sozialen Produktionsanarchie, die die unendliche
Vervollkommnungsfähigkeit der Maschinen der großen Industrie in ein Zwangsgebot
verwandelt für, jeden einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie mehr und
mehr zu vervollkommnen, bei Strafe des Untergangs.
Aber Vervollkommnung der Maschinerie, das heißt Überflüssigmachung von
Menschenarbeit. Wenn die Einführung und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von
Millionen von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet
Verbesserung der Maschinerie Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und
in letzter Instanz Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des
Kapitals überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen
industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845(4) nannte, disponibel für die Zeiten,
wo die Industrie mit Hochdruck arbeitet, aufs Pflaster geworfen durch den notwendig
folgenden Krach, zu allen Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen, der Arbeiterklasse in
ihrem Existenzkampf mit dem Kapital, ein Regulator zur Niederhaltung des Arbeitslohns auf
dem dem kapitalistischen Bedürfnis angemeßnen niedrigen Niveau. So geht es
zu, daß die Maschinerie, um mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel des Kapitals gegen die
Arbeiterklasse wird, daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter fortwährend das Lebensmittel aus
der Hand schlägt, daß das eigne Produkt des Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug
zur Knechtung des Arbeiters. So kommt es, daß die Ökonomisierung der Arbeitsmittel von
vornherein zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den
normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion wird; daß die Maschinerie, das gewaltigste
Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit, umschlägt in das unfehlbarste
Mittel, alle
Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung
des Kapitals zu verwandeln; so kommt es, daß die Überarbeitung der einen die
Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern und daß die große
Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion
der Massen auf ein Hungerminimum beschränkt und sich damit den eignen innern Markt
untergräbt.
"Das Gesetz, welches die relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee
stets mit Umfang und Energie der Kapitalakkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den
Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den
Felsen.
Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von
Elend. Die
Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von
Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und moralischer Degradation auf dem
Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital
produziert."
(Marx, "Kapital", S. 671.) Und von der kapitalistischen Produktionsweise
eine,
andre Verteilung der Produkte erwarten hieße verlangen, die Elektroden einer Batterie
sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie mit der Batterie in Verbindung
stehn,
und nicht am positiven Pol Sauerstoff entwickeln und am negativen
Wasserstoff.
Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit der modernen
Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion in der Gesellschaft, sich verwandelt
in ein Zwangsgebot für den einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie stets
zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhn. In ein ebensolches Zwangsgebot
verwandelt sich für ihn die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu
erweitern. Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige der Gase
ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen als ein qualitatives und
quantitatives Ausdehnungsbedürfnis, das jedes Gegendrucks spottet. Der Gegendruck wird
gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für die Produkte der großen
Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der Märkte, extensive wie intensive, wird
beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger energisch wirkende
Gesetze. Die
Ausdehnung der Märkte kann nicht Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die
Kollision wird unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie nicht
die kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird sie periodisch. Die
kapitalistische Produktion erzeugt einen neuen "fehlerhaften Kreislauf".
In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis
ausbrach, geht die ganze
industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher
zivilisierten Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel, so ziemlich
alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind
überfüllt,
die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird
unsichtbar,
der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still, die arbeitenden Massen ermangeln der
Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel produziert haben. Bankerott folgt auf
Bankerott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung,
Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die
aufgehäuften Warenmassen unter größrer oder geringrer Entwertung endlich
abfließen,
bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt
sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in
Galopp, und dieser
steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen
industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase, um endlich nach den
halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen im Graben des Krachs. Und so immer von
neuem.
Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem Augenblick
(1877) zum sechsten Mal. Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf
ausgeprägt, daß
Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise pléthorique, Krisis aus
Überfluß.
In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und
kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan
vernichtet: das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis; alle Gesetze der
Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische
Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die
Austauschweise.
Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb der
Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden ist mit der neben
und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der Gesellschaftdiese Tatsache wird
den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch die gewaltsame Konzentration der
Kapitale, die sich während der Krisen vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und
noch mehr kleiner Kapitalisten. Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen
Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst erzeugten
Produktivkräfte.
Sie kann diese Masse von Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital
verwandeln; sie
liegen brach, und ebendeshalb muß auch die industrielle Reservearmee
brachliegen.
Produktionsmittel, Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und
des allgemeinen Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber "der Oberfluß wird
Quelle der Not und des Mangels" (Fourier), weil er es gerade ist, der die Verwandlung
der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in der kapitalistischen
Gesellschaft können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit treten, es sei
denn, sie
hätten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft
verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitaleigenschaft der
Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und den Arbeitern. Sie allein verhindert das
Zusammentreten der sachlichen und der persönlichen Hebel der Produktion; sie allein
verbietet den Produktionsmitteln, zu fungieren, den Arbeitern, zu arbeiten und zu leben.
Einesteils also wird die kapitalistische Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur
ferneren Verwaltung dieser Produktivkräfte überführt. Andrerseits drängen diese
Produktivkräfte selbst mit steigender Macht nach Aufhebung des
Widerspruchs, nach ihrer
Erlösung von ihrer Eigenschaft als Kapital, nach tatsächlicher Anerkennung ihres
Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.
Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte gegen ihre
Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur,
der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies innerhalb des
Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche Produktivkräfte zu
behandeln. Sowohl die industrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen
Kreditaufblähung wie der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer
Etablissements treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung größter Massen von
Produktionsmitteln, die uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften
gegenübertritt. Manche dieser Produktionsund Verkehrsmittel sind von vornherein so
kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andere Form kapitalistischer Ausbeutung
ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht
mehr;
die inländischen Großproduzenten eines und desselben Industriezweigs vereinigen sich zu
einem "Trust", einer Vereinigung zum Zweck der Regulierung der Produktion; sie
bestimmen das zu produzierende Gesamtquantum, verteilen es unter sich und erzwingen so den
im voraus festgesetzten Verkaufspreis. Da solche Trusts aber bei der ersten schlechten
Geschäftszeit meist aus dem Leim gehn, treiben sie eben dadurch zu einer noch
konzentrierteren Vergesellschaftung: Der ganze Industriezweig verwandelt sich in eine
einzige große Aktiengesellschaft, die inländische Konkurrenz macht dem inländischen
Monopol dieser einen Gesellschaft Platz; wie dies noch 1890 mit der englischen
Alkaliproduktion geschehen, die jetzt, nach Verschmelzung sämtlicher 48 großen
Fabriken,
in der Hand einer einzigen, einheitlich geleiteten Gesellschaft mit einem Kapital von 120
Millionen Mark betrieben wird.
In den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol, kapituliert die planlose
Produktion der kapitalistischen Gesellschaft vor der planmäßigen Produktion der
hereinbrechenden sozialistischen Gesellschaft. Allerdings zunächst noch zu Nutz und
Frommen der Kapitalisten. Hier aber wird die Ausbeutung so handgreiflich, daß sie
zusammenbrechen muß. Kein Volk würde eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so
unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch eine kleine Bande von Kuponabschneidem sich
gefallen lassen.
So oder so, mit oder ohne Trusts, muß schließlich der offizielle Repräsentant der
kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, die Leitung der Produktion
übernehmen.(5) Diese
Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei den großen
Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen, Eisenbahnen.
Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern Verwaltung der modernen
Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die Verwandlung der großen Produktions- und
Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften, Trusts und Staatseigentum die Entbehrlichkeit
der Bourgeoisie,für jenen Zweck. Alle gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten
werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn. Der Kapitalist hat keine
gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenueneinstreichen, Kuponsabschneiden und
Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital
abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst Arbeiter
verdrängt, so
verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie, ganz wie die
Arbeiter, in die
überflüssige Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle
Reservearmee.
Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften und Trusts noch die in
Staatseigentum hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den
Aktiengesellschaften und Trusts liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder
nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen
äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen
Übergriffe sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne
Staat, was
auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der
ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigenturn
übernimmt, desto
mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er
aus. Die
Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht
aufgehoben,
es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es
um. Das
Staatseigenturn an den Produktivkräften ist nicht Lösung des Konflikts, aber es birgt in
sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung.
Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen
Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und
Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der
Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft offen und
ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andren Leitung außer der ihrigen entwachsenen
Produktivkräften. Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und
Produkte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die Produktions- und
Austauschweise periodisch durchbricht und sich nur als blind wirkendes Naturgesetz
gewalttätig und zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein zur
Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und des periodischen
Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Produktion selbst.
Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die
Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht mit ihnen
rechnen. Haben
wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen
begriffen,
so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen zu unterwerfen und
vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen. Und ganz besonders gilt dies von den heutigen
gewaltigen Produktivkräften. Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren
Charakter zu verstehn - und gegen dies Verständnis sträubt sich die kapitalistische
Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange wirken diese Kräfte sich
aus, trotz uns,
gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich dargestellt
haben. Aber
einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der assoziierten Produzenten
aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied
zwischen der zerstörenden Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der
gebändigten Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied der
Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der
heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der
gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der
Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen. Damit wird die
kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den Produzenten, dann aber auch
den Aneigner knechtet, ersetzt durch die in der Natur der modernen Produktionsmittel
selbst begründete Aneignungsweise der Produkte: einerseits direkt gesellschaftliche
Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung der Produktion, andrerseits direkt
individuelle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.
Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der
Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese
Umwälzung, bei
Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung
der großen vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie
selbst den Weg an zur Vollziehung der Umwälzung. Das Rroletariat ergreift die
Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in
Staatseigentum. Aber damit
hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und
Klassengegensätze auf und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in
Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, d.h. eine Organisation
der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern
Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten
Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der
Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der
offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren
Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse
war, welche
selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der
sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der
Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft
wird,
macht er sich selbst überflüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der
Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen
Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden
Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine
besondre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Dererste Akt, worin der Staat
wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der
Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft, ist zugleich sein letzter selbständiger Akt
als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf
einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst
ein. An die
Stelle,der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von
Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht "abgeschafft", er stirbt ab. Hieran
ist die Phrase vom "freien Volksstaat" zu messen, also sowohl nach ihrer
zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen
Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten
Anarchisten, der Staat
solle von heute auf morgen abgeschafft werden.
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit
dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen
Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie konnte
erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die tatsächlichen
Bedingungen ihrer Durch vorhanden waren. Sie, wie jeder andre gesellschaftliche
Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der
Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen
Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische
Bedingungen.
Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende
und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der früheren geringen Entwicklung
der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag
liefert, der
das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also
die Arbeit alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in
Anspruch nimmt, solange teilt sich diese Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben der
ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von
direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der
Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz,
Wissenschaften, Künste usw. Es ist also das Gesetz der Arbeitstellung, das der Klassenteilung zugrunde
liegt.
Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch Gewalt und
Raub, List
und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende Klasse, einmal im
Sattel, nie
verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die
gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in gesteigerte Ausbeutung der Massen.
Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung
hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne
gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der
Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen
Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen zur
Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß
dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern einer herrschenden Klasse
überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst, ein Anachronismus geworden, veraltet
ist.
Sie hat also zur Voraussetzung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem
Aneignung der Produktionsmittel und Produkte und damit der politischen
Herrschaft, des
Monopols der Bildung und der geistigen Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse
nicht nur überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein
Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht. Ist der
politische und intellektuelle Bankerott der Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein
Geheimnis, so wiederholt sich ihr ökonomischer Bankerott regelmäßig alle zehn
Jahre. In
jeder Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für sie
unverwendbaren Produktivkräfte und Produkte und steht hülflos vor dem absurden
Widerspruch, daß die Produzenten nichts zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten
fehlt. Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die die
kapitalistische Produktionsweise ihr angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist die
einzige Vorbedingung einer ununterbrochnen, stets rascher fortschreitenden Entwicklung der
Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produktion
selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel beseitigt
nicht nur die jetzt bestehende künstliche Hemmung der Produktion, sondern auch die
positive Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die gegenwärtig
die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und ihren Höhepunkt in den Krisen
erreicht. Sie setzt ferner eine Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die
Gesamtheit frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt
herrschenden Klassen und ihrer politischen Repräsentanten. Die
Möglichkeit, vermittelst
der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu
sichern,
die nicht nur materiell vollkommen ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher
wird,
sondern die ihnen auch die vollständige freie Ausbildung und Betätigung ihrer
körperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten
Male da, aber sie ist da.(6)
Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die
Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die
Produzenten. Die
Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige
bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der
Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen
Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden
Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die
Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der
Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres
eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende
Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis
angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen
bisher als von Natur und Geschichte aufgenötigt gegenüberstand, wird jetzt ihre freie
Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte
beherrschten, treten unter
die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit
vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung
gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maß auch die von
ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der
Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
Fassen wir zum Schluß unsern Entwicklungsgang kurz
zusammen:
I. Mittelalterliche Gesellschaft: Kleine Einzelproduktion. Produktionsmittel für den
Einzelgebrauch zugeschnitten, daher urwüchsig-unbehülflich, kleinlich, von zwerghafter
Wirkung. Produktion für den unmittelbaren Verbrauch, sei es des Produzenten
selbst, sei
es seines Feudalherrn. Nur da, wo ein Überschuß der Produktion über diesen Verbrauch
stattfindet, wird dieser Überschuß zum Verkauf ausgeboten und verfällt dem
Austausch:
Warenproduktion also erst im Entstehn; aber schon jetzt enthält sie in
sich, im Keim, die
Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion.
II. Kapitalistische Revolution: Umwandlung der Industrie zuerst vermittelst der
einfachen Kooperation und der Manufaktur, Konzentration der bisher zerstreuten
Produktionsmittel in großen Werkstätten, damit ihre Verwandlung aus Produktionsmittel
des einzelnen in gesellschaftliche - eine Verwandlung, die die Form des Austausches im
ganzen und großen nicht berührt. Die alten Aneignungsformen bleiben in Kraft. Der
Kapitalist tritt auf: In seiner Eigenschaft als Eigentümer der Produktionsmittel eignet
er sich auch die Produkte an und macht sie zu Waren. Die Produktion ist ein
gesellschaftlicher Akt geworden; der Austausch und mit ihm die Aneignung bleiben
individuelle Akte, Akte des einzelnen: Das gesellschaftliche Produkt wird angeeignet vom
Einzelkapitalisten. Grundwiderspruch, aus dem alle Widersprüche
entspringen, in denen die
heutige Gesellschaft sich bewegt und die die große Industrie offen an den Tag
bringt.
- A. Scheidung des Produzenten von den
Produktionsmitteln. Verurteilung des Arbeiters zu
lebenslänglicher Lohnarbeit. Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.
- B. Wachsendes Hervortreten und steigende Wirksamkeit der
Gesetze, die die
Warenproduktion beherrschen. Zügelloser Konkurrenzkampf. Widerspruch der
gesellschaftlichen Organisation in der einzelnen Fabrik und der gesellschaftlichen
Anarchie in der Gesamtproduktion.
- C. Einerseits Vervollkommnung der Maschinerie, durch die Konkurrenz zum Zwangsgebot für
jeden einzelnen Fabrikanten gemacht und gleichbedeutend mit stets steigender
Außerdienstsetzung von Arbeitern: industrielle Reservearmee. Andrerseits schrankenlose
Ausdehnung der Produktion, ebenfalls Zwangsgesetz der Konkurrenz für jeden Fabrikanten.
Von beiden Seiten unerhörte Entwicklung der Produktivkräfte, Überschuß des Angebots
über die Nachfrage, Überproduktion, Überfüllung der Märkte, zehnjährige Krisen,
fehlerhafter Kreislauf: Überfluß hier, von Produktionsmitteln und Produkten - Überfluß
dort, von Arbeitern ohne Beschäftigung und ohne Existenzmittel; aber diese beiden Hebel
der Produktion und gesellschaftlichen Wohlstands können nicht zusammentreten, weil die
kapitalistische Form der Produktion den Produktivkräften verbietet, zu wirken, den
Produkten, zu zirkulieren, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital verwandelt: was
gerade ihr eigner Überfluß verhindert. Der Widerspruch hat sich gesteigert zum
Widersinn: Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschform. Die Bourgeoisie ist
überführt der Unfähigkeit, ihre eignen gesellschaftlichen Produktivkräfte fernerhin zu
leiten.
- D. Teilweise Anerkennung des gesellschaftlichen Charakters der Produktivkräfte, den
Kapitalisten selbst aufgenötigt. Aneignung der großen Produktions- und
Verkehrsorganismen, erst durch Aktiengesellschaften, später durch Trusts, sodann durch
den Staat. Die Bourgeoisie erweist sich, als überflüssige Klasse; alle ihre
gesellschaftlichen Funktionen werden jetzt erfüllt durch besoldete Angestellte.
III. Proletarische Revolution, Auflösung der Widersprüche: Das Proletariat ergreift
die öffentliche Gewalt und verwandelt kraft dieser Gewalt, die den Händen der
Bourgeoisie entgleitenden gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum.
Durch diesen Akt befreit es die Produktionsmittel von ihrer bisherigen Kapitaleigenschaft
und gibt ihrem gesellschaftlichen Charakter volle Freiheit, sich durchzusetzen. Eine
gesellschaftliche Produktion nach vorherbestimmtem Plan wird nunmehr möglich. Die
Entwicklung der Produktion macht die fernere Existenz verschiedner Gesellschaftsklassen zu
einem Anachronismus. In dem Maß, wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion
schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein. Die Menschen, endlich
Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur,
Herren ihrer selbst - frei.
Diese weltbefreiende Tat durchzuführen ist der geschichtliche Beruf des modernen
Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen
und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur
ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks
der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.
Fußnoten:
1. Folgendes ist die Stelle über die Französische Revolution:
Der Gedanke, der
Begriff des Rechts machte sich mit einem Male geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst
des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine
Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein.
Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie kreisen, war das noch nicht
gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die
Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, daß der Ns, die
Vernunft, die Welt regiert; nun aber erst ist der Mensch dazugekommen, zu erkennen, daß
der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dieses somit ein herrlicher
Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung
hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geisteshat die Welt durchschauert, als
sei es zur Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.. (Hegel,
"Philosophie der Geschichte", 1840, S. 535.) - Sollte es nicht hohe Zeit sein,
gegen solche gemeingefährliche Umsturzlehren des weiland Professor Hegel das
Sozialistengesetz in Bewegung zu setzen?
2. Aus: "The Revolution in Mind and Practice", einer an alle "roten
Republikaner, Kommunisten und Sozialisten Europas" gerichteten und der französischen
provisorischen Regierung 1848, aber auch "der Königin Viktoria und ihren
verantwortlichen Ratgebern" zugesandten Denkschrift.
3. Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden, daß, wenn auch die
Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter der Aneignung durch den oben geschilderten
Vorgang nicht minder revolutioniert wird als die Produktion. Ob ich mir mein eignes
Produkt aneigne oder das Produkt andrer, das sind natürlich zwei sehr verschiedne Arten
von Aneignung. Nebenbei: die Lohnarbeit, in der die ganze kapitalistische Produktionsweise
bereits im Keime steckt, ist sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhundertelang
her neben der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen Produktionsweise entfalten konnte sich
der Keim erst, als die geschichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.
4. "Lage der arbeitenden Klasse in England"., S. l09
5. Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle, daß die Produktionsoder Verkehrsmittel der
Leitung durch Aktiengesellschaften wirklich entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung
ökonomisch unabweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn der heutige
Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt, die Erreichung einer neuen Vorstufe
zur Besitzergreifung aller Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst. Es ist aber
neuerdings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen, ein gewisser falscher
Sozialismus aufgetreten und hie und da sogar in einige Wohldienerei ausgeartet, der jede
Verstaatlichung, selbst die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt.
Allerdings, wäre die Verstaatlichung des Tabaks sozialistisch, so zählten Napoleon und
Metternich mit unter den Gründern des Sozialismus. Wenn der belgische Staat aus ganz
alltäglichen politischen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahnen selbst baute,
wenn Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahnlinien Preußens
verstaatlichte, einfach, um sie für den Kriegsfall besser einrichten und ausnützen zu
können, um die Eisenbahnbeamten zu Regierungsstinunvieh zu erziehn und hauptsächlich, um
sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige Einkommensquelle zu verschaffen -
so waren das keineswegs sozialistische Schritte, direkt oder indirekt, bewußt oder
unbewußt. Sonst wären auch die königliche Seehandlung, die königliche
Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider beim Militär sozialistische
Einrichtungen oder gar die unter Friedrich Wilhelm III. in den dreißiger Jahren alles
Ernstes von einem Schlaumeier vorgeschlagene Verstaatlichung der - Bordelle.
6. Ein paar Zahlen mögen eine annähernde Vorstellung geben von der enormen
Expansionskraft der modernen Produktionsmittel, selbst unter dem kapitalistischen Druck.
Nach der Berechnung von Giffen betrug der Gesamtreichtum von Großbritannien und Irland in
runder Zahl: 1814 2200 Millionen Pfd. St. = 44 Milliarden Mark 1865 6100 Millionen Pfd.
St. = 122 Milliarden Mark 1875 8500 Millionen Pfd. St. = 170 Milliarden Mark Was die
Verheerung von Produktionsmitteln und Produkten in den Krisen betrifft, so wurde auf dem
2. Kongreß deutscher Industrieller, Berlin, 21. Februar 1878, der Gesamtverlust allein
der deutschen Eisenindustrie im letzten Krach auf 455 Millionen Mark berechnet. |